Mit Eseln Geduld lernen

Also wenn ich eins nicht habe, dann Geduld.

Bei mir muss alles schnell gehen, am besten drei Dinge gleichzeitig. Beeil dich, mach schnell, Tu' weiter .. sind so prägende Wörter.

Und so fordert mich Geduld  eigentlich jeden Tag.
Zum Beispiel auch wenn unser Sohn zur Schule soll und trödelt während ich schon innerlich die Glocke zum Unterrichtsbeginn schrillen höre. Mein Blutdruck steigt dann meistens ins Unermessliche und ich bin mir nicht sicher, wie oft ich schon kurz vorm Herzinfarkt stand.

Aber irgendwie hat er es bis jetzt immer geschafft, pünktlich zu sein.

Ja, und jetzt haben wir Esel – und die erste Lektion die ich jetzt wirklich lernen muss, ob ich will oder nicht ist
GEDULD, GEDULD, GEDULD.... und nochmals viel Geduld.  

Verschiedene Gründe haben es notwendig gemacht, unsere Landwirtschaft auf neue Beine stellen.

So zogen diese Woche Esel ein.

Es war für mich Liebe auf den ersten Blick.

Sie haben sofort mein Herz erobert, diese drei Burschen

Larry, Bob und Townchip  ….

 

Wäre es nach mir gegangen, hätten sie ja  Sepperl, Franzi und Hansl geheissen oder Fridolin, Ferdinand und Felix

Aber unser Sohn und seine Freunde haben entschieden, dass auch unser Hof mit der Zeit gehen sollte und somit ist die englische Sprache gleich miteingezogen. 

Amerikanisierung lässt grüßen..

Vielleicht sollte ich sie in Zukunft rufen mit „Hey, boys it's time to come in“ oder mit diesem ultramodernen Mix von Deutsch und Englisch, dem sogenannten Anglizismus, ... also  „Monnaleit, kemmt's in“

Jedenfalls wenn ich eins in dieser kurzen Zeit gelernt habe, dann das mit einem Esel „so schnell" mal gar nichts geht, Ende.
Da ist man eindeutig an der falschen Adresse.

Denn gegen vier Füsse, die sich fest in den Boden stemmen und entschieden haben, keinen Schritt zu tun egal wofür, helfen die besten Tricks, Leckereien und alle anderen Überredungsversuche absolut nichts, gar nichts.

Punkt, aus.
Schieben? Sowieso nicht...
Ziehen? Erst recht nicht...

Larry, Bob und Townchip bringen mir gerade Durchhaltevermögen bei. 

Alle drei haben einen eigenen Charakter, aber so unterschiedlich sie auch sind, in Sachen Geduldsprobe sind sich trotzdem einig.

Larry ist der Älteste. Wenn ihm etwas nicht passt, legt er die Ohren auf die Seite, meldet sich mit einem ganz leisen Quitschen und hat gleichzeitig diesen Blick in den Augen:

„Tue was ich sage oder ich schreie“.

Richtig laut, versteht sich.

Bob ist der Jüngste und der Kitzlige. Schon so manche Person die das nicht glauben wollte, ist angeblich in hohem Bogen davongeflogen.

Townchip ist der Liebling unseres Sohnes. Er hat mir noch nicht so verraten, wie er drauf ist. Jedenfalls ist er der Zurückhaltendere von den Dreien.

Nur wenn ich die Standfestigkeit dieser Herrschaften akzpetieren kann, nur dann vielleicht, aber nur vielleicht macht einer von ihnen den nächsten Schritt.

Einen ganz kleinen, aber immerhin.

Da kann sein was auch immer,

wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht.

 

Selbst meine Nachbarin blieb von der eselischen Überzeugung nicht verschont. Es war ihnen ziemlich egal, dass sie eigentlich dringend zur Arbeit musste. Mit festem Entschluß keinen Fuß mehr vor den anderen zu setzen standen sie auf der Strasse und blockierten die Durchfahrt, basta.

Also, man lernt nie aus. Jeden Tag aufs Neue.

Kinder haben kein Problem die Esel zu führen. 

Sie nehmen sich nämlich einfach Zeit und suchen sie nicht. Im Gegensatz zu uns Erwachsenen.

Ich, die schon die nächste Aufgabe im Kopf hat,  werde da ziemlich auf die Probe gestellt. Und das zeigt mir eigentlich, wie sehr wir am Leben vorbei leben.

In unserer hektischen Welt haben wir scheinbar für nichts mehr Zeit, obwohl wir eigentlich so viel  Zeit zur Verfügung haben wie noch nie. Alleine schon durch die vielen maschinellen Erleichterungen. Aber wir laufen trotzdem der Zeit hinterher.


Wir können nicht "Nein" sagen, möchten Vieles gleichzeitig angehen. Alles muss perfekt sein, wir wollen es jeden Recht machen. Aber wir leben nicht in der Ewigkeit, unser Dasein auf der Erde  ist begrenzt.

 

Wir können dem Leben nicht mehr Zeit geben als uns bestimmt ist, aber wir könnten der Zeit mehr Leben geben.

Es liegt an uns, unserer inneren Einstellung.

Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, unendlich viel Zeit zu haben, wenn wir Dinge aufschieben. Aber uns gleichzeitig  keine Zeit nehmen für das Hier und Jetzt, für diesen einen Moment, diesen Augenblick der jetzt gerade passiert.

Unsere Lebenszeit ist ein kostbares Geschenk, welches wir dankbar annehmen sollten.

Es ist unsere Haltung zum Leben, etwas einfach unvollkommen sein zu lassen, Schwäche zu zeigen, Hilfe anzunehmen.


In unserer Küche hängt ein Schild mit dem Spruch „Das Geschirr kann warten, das Leben wartet nicht“

 würde es für die Esel sprechen würde es heißen „Die Esel können warten, du anscheinend nicht“

Also wird mir gerade beigebracht, dass ich mich vom Getriebensein in Acht nehmen soll.

Sonst würde das Leben weiter an mir vorbeirasen wie eine Landschaft durchs Fenster eines fahrenden Zuges.


Im Grunde sind Esel unfassbar geerdet.Nichts kann sie bewegen oder umhauen, so verbunden sind sie mit dem Boden unter sich.


Und ihre Eigensinnigkeit zeigt uns nur, dass sie ihren Weg so gehen, wie sie ihn für richtig halten. Sie können nein sagen,

machen es niemanden recht ausser sich selbst.

Sie sind eben einzigartig.

In Zukunft werde ich den Weg zwischen Stall und Weide einfach als "Zeit-Raum" betrachten.

Schritt für Schritt, Augenblick für Augenblick.

Frei nach dem Motto, nicht warten bis sich die Zeit findet, sondern sich die Zeit nehmen wann sie da ist.

 

Irgendwann werden wir vier schon ankommen,

wo auch immer.